Schloss Eichelsdorf - die Chance zum Wiedereinstieg ins Leben

Die Vorgeschichten der Drogensüchtigen, die in der Fachklinik Schloss Eichelsdorf in Behandlung sind, beginnen unterschiedlich. Das Ziel, warum sie hier sind, ist aber für alle das Gleiche: Den Kampf aufnehmen gegen die Sucht, auch wenn die Abhängigen wissen, dass sie diesen vielleicht verlieren können. 

Eine Gruppe von jungen Männern wartet vor einem Zimmer mit cremefarbener Tür. Sie warten auf die tägliche Ration Medikamente, warten auf das Gefühl der Freiheit. Endlich frei sein von den Drogen. Das ist das Ziel der 60 Patienten, die in der Fachklinik Schloss Eichelsdorf in Behandlung sind. Doch bis dahin ist es ein langer Weg. Den ersten Schritt haben die Patienten schon geschafft: Sich zugestehen, dass sie abhängig sind. Die Krankheit will oft nicht begriffen werden. Wie auch, wenn man nie nüchtern ist? 

Die Patientinnen Marie und Kathrin (Namen geändert) sitzen mit dem Diplom- Psychologen Robert Soto-Löwenthal, dem Leiter der Klinik, an einem großen runden Konferenztisch im Büro des Psychologen. Endlich ist da jemand, der ihnen helfen will. Wirklich helfen. Nicht nur helfen an Geld zu kommen, an Stoff zu kommen, an noch mehr Stoff zu kommen. Die Frauen sind bequem angezogen, Jeanshose und Pullover. Das Leben vor dem Entzug war schon unbequem genug. Ihre Haut ist blass, aber ebenmäßig. Nichts deutet auf ihre Drogenvergangenheit hin. Dabei ist diese lange: Mit 14 Jahren hat Marie, die jetzt 28 ist, das erste Mal Marihuana und Pilze konsumiert. Dann folgten Crystal Meth, Kokain, Ecstasy, Spice, LSD. Ein Horrortrip durch das Leben. Die 23-jährige Kathrin fing noch zwei Jahre eher damit an.

„Warum ich hier bin? Aus Liebe zum Leben. Liebe hält einen am Leben und ohne sie kann ich nicht leben“, sagt die 28-jährige Marie, die seit vier Monaten in der Klinik ist und schon einen Entzug hinter sich hat. Drei Jahre war sie nüchtern, dann kam der Rückfall. Und dann kam die Einsicht, dass sie so alles zerstört. Die Partnerschaft, die Familie, Freundschaften. Drogensucht betrifft nicht nur den Abhängigen. In Familiengesprächen soll den Angehörigen die Krankheit näher gebracht werden. Die Familie steht meistens hinter dem Abhängigen. Sie ist froh, dass er überhaupt noch lebt und nun in der Obhut der Klinik ist. Vor einem hohen Bildungsgrad oder einem dicken Bankkonto macht die Sucht keinen Halt. Süchtig kann jeder von allem werden. Das Fatale daran: Den einen Auslöser für eine Drogensucht gibt es nicht. Die Sucht ist immer die Antwort auf bestimmte Situationen im Leben, die einmal da waren. Die Droge ist nur eine Bewältigungsstrategie. Und sicher keine Gute.

Die Regeln in der Klinik sind hart: Es gibt feste Rauchzeiten, das Handy wird den Patienten abgenommen. Nach einem Monat bekommen die Abhängigen ihr Handy zurück, nach drei Monaten dürfen sie ihre erste Tagesfahrt nach Hause machen. Die Langzeittherapie gliedert sich in drei Phasen: Motivationsphase, Kerntherapie und Adaptionsphase. Die Motivationsphase und die Kerntherapie dauern 24-26 Wochen. Die Adaptionsphase 14-16 Wochen. Die Ada-Phase, wie sie von allen hier genannt wird, ist jedoch nicht für alle angedacht. Nur wer während der Therapie für sich bemerkt, dass die Zeit eventuell nicht ausreicht, kann verlängern. Danach verlässt der junge Vogel das sichere Nest der Entzugsklinik, hinein in einen Alltag voller Versuchungen. „Das ist sicher die schwierigste Phase, denn das restliche Leben dauert sehr lange“, sagt Marie. Und sie hat recht: Ein Abhängiger wird immer einen Teil der Sucht in sich tragen. Die einzige Chance zu überleben ist, das Verlangen nach den Drogen zu unterdrücken. 

Auf einem Rundgang durch die Klinik zeigen Kathrin und Marie zuerst den Essensraum. Ein Saal mit großen Fenstern, durch die nur der Winternebel zu sehen ist, und mehreren Tischen, die in langen Reihen angeordnet sind. Alkohol und Energydrinks sind in der Klinik grundsätzlich verboten. Kaffee, eine legale Droge, ist erlaubt. Es riecht nach Essen und Putzmittel. Alles klinisch rein. So wie die entgifteten Körper der Patienten. 

Dann geht es weiter in die Werkstatt der Klinik. Große Holztische stehen da, auf einigen sind Farbtupfer und Lehmspuren zu erkennen. Wer hier erfolge zeigt, kann später eine Ausbildung in einer kooperierenden Lehrwerkstatt machen. Noch ein Problem, dass sich den Patienten nach ihrer Entlassung stellt. Welcher Arbeitgeber will schließlich einen Ex-Junkie bei sich in der Firma einstellen? Als die zwei Frauen über den weitläufigen Innenhof des Schlosses laufen, knirschen ihre hellen Schuhe auf dem Kiesboden. Vier weiße Tupfer im grauen Januarnebel. An einer Fassade des Schlosses steht ein großes Baugerüst. Sanieren, was kaputt gegangen ist. Keine unmögliche Aufgabe hier in der Entzugsklinik.

Die Tür geht auf und zwei kleine Kinder stürmen auf Marie und Kathrin zu und werfen sich um ihre Beine. Einem Jungen entfährt ein aufgeregtes Quieken. Fünf weitere Sprösslinge sitzen auf einem Sofa, dazwischen eine Betreuerin, die ein Buch in der Hand hält. Auch das ist besonders an der Klinik Eichelsdorf: Die Patienten dürfen ihre Kinder mitbringen, sofern sie ihnen nicht vom Jugendamt entzogen worden sind. Insgesamt acht Familien und Alleinerziehende leben momentan mit ihren Kindern in der Klinik. „Zuerst ist ein Kind natürlich eine Überforderung, aber dann ist es eine Unterstützung und Motivation clean zu bleiben. Es tut gut, zu sehen, wie Dinge wachsen und gedeihen. Das gibt Hoffnung“, sagt Marie. Die Hoffnung, dass es doch noch weiter geht im Leben, haben alle, die hier in Behandlung sind. 

In der Wäscherei, einem weiß gekachelten Raum, ist die Luft abgestanden und stickig, aber ein Duft von frischer Wäsche durchzieht das Zimmer. Eine einzige Frau steht an einem langen Tisch und faltet Bettlaken. Freundlich begrüßen sich die jungen Frauen, hier kennt jeder Jeden. „Mit manchen ehemaligen Patienten haben wir noch guten Kontakt. Aber wenn es jemand nicht ernst meint mit dem Entzug, dann wollen wir damit auch nichts mehr zu tun haben“, sagt Kathrin. Hinter der Wäscherei grenzt der Garten an, in dem die Patienten alles anpflanzen, was sie im Klinik-Speiseplan verwerten können. Gekocht wird selbst. Noch sind die langen Beete leer, die Erde ist festgefroren, hier und da liegt ein verlorenes Blatt oder ein Zweig. Es ist nicht schwer, sich vorzustellen, wie hier im Sommer Salat und Tomaten gedeihen. Aus Abgestorbenem entsteht Leben. Plötzlich kommt eine getigerte Katze angelaufen, die zum Inventar der Klinik gehört. Träge schnurrend reibt sie sich an die Beine der beiden Frauen, genießt die Streicheleinheiten, und setzt dann unbeirrt ihren Weg durch den Garten fort, bereit jede Maus zu erwischen. Ein guter Ort, um sein Leben ins Reine zu bringen. Marie und Kathrin gefällt es, dass sie ihr Gemüse selbst anbauen und die Katze manchmal durch den Garten und das Schloss streift. Dinge, auf die sie früher keinen Wert gelegt haben. Früher, als sie voll drinsteckten, in der Sucht.

„Es ist nie die Menge, die eine Sucht ausmacht. Wenn das Maß nicht stimmt, wenn einem die Kontrolle entgleitet und Dinge vernachlässigt werden, dann ist es eine Sucht“, erklärt Soto-Löwenthal. Dass sie süchtig ist, realisierte Kathrin viel zu spät. Bevor sie schwanger wurde, war sie Gelegenheitskonsumentin, während der Schwangerschaft blieb sie komplett clean. Danach stürzte sie ab. Als ihr ebenfalls drogensüchtiger Freund, der mit ihr den Entzug macht, vor zehn Monaten einfach umgekippt ist, wurde ihr klar, dass es so nicht weitergehen kann. Die Sucht wäre höchstens ein Freifahrtschein in den Tod. Kathrins Kind lebt jetzt bei seiner Großmutter.

Bevor die Patienten in der Klinik Eichelsdorf aufgenommen werden, müssen sie eine stationäre Entgiftung hinter sich haben. Zumindest der Körper soll von den Drogen befreit sein, damit keine Entzugserscheinungen mehr vorhanden sind. Den Kopf von den Drogen zu befreien, ist um einiges schwieriger. Dabei hat ein Süchtiger einen größeren Willen als jeder Andere. Er muss jeden Tag auf die Straße, um sich seinen Stoff zu besorgen, belügt die eigene Familie, verkauft Wertgegenstände, spart an Lebenswichtigem, nur für die Droge. Die Hälfte der Patienten bricht die Therapie ab, weil sie keine Lust mehr haben, sich keine Erfolge zeigen. Die andere Hälfte schafft es. Wer bis zu der Nachbefragung, ein Jahr nach Beenden der Therapie, durchgehalten hat, ist stolz, den Kampf gegen die Drogen gewonnen zu haben. Zumindest vorerst.

Journalistisches Arbeiten I: Journalistische Darstellungsformen; Prüfungsreportage
Dozentin: Annika Franzetti
Franziska Rieger 16.01.2013

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